Kriegsgefangenenakte aus Russland
29. September 2021
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Neue Hinweise zur Kriegsgefangenschaft meines Großvaters

In der letzten Woche erhielt ich eine Mail aus Moskau, die mein Forscherherz sofort höherschlagen ließ. Im Anhang befand sich die Kopie der Kriegsgefangenenakte meines Großvaters Johannes Seyer!

In Russland existiert eine Organisation, die vergleichbar mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberführsorge ist und sich dort auch um fremde Soldatenschicksale kümmert. Dorthin hatte ich vor einigen Monaten eine Mail geschrieben, mit der Bitte, nach Unterlagen zur Gefangenschaft meines Großvaters zu suchen. Die Antwort war positiv.

Die Dokumente sind natürlich in russischer Sprache abgefasst, aber eine grobe Zusammenfassung wird in einem Anschreiben mitgeliefert, das sich mit einem Internetübersetzer relativ leicht lesbar machen lässt.

Die eigentliche Akte ist in tabellarischer Form abgefasst, die einzelnen Rubriken sind in kyrillischer Druckschrift geschrieben, so dass auch hier das Mobiltelefon beim Übersetzen gute Dienste leisten konnte. Die handgeschriebenen Inhalte ließen sich dann, auch Dank des Russischunterrichts in der Schule, wenigstens annäherungsweise herleiten.

Die Akte brachte mir zahlreiche neue Erkenntnisse zur Gefangenschaft meines Großvaters.

Demnach geriet er am 9. Mai 1945 bei oder in der tschechischen Stadt Pisek in russische Gefangenschaft. Interessant daran ist, dass Pisek am 6. Mai 1945 zuerst von den Amerikanern erreicht wurde und erst am 10. Mai 1945 die Rote Armee dort einmarschierte. Besonders prekär an der unübersichtlichen Lage zum Kriegsende im Raum Pisek war, dass die Frontlinie unmittelbar bei der Stadt verlief. Die amerikanischen Truppen der 3. US-Armee hinderten die nach Westen strömenden Wehrmachtsverbände daran, vor ihnen zu kapitulieren, um sich daran anschließend in amerikanische Gefangenschaft zu begeben. Stattdessen überließen sie große Teile der deutschen Truppen den heranrückenden Verbänden der Roten Armee. Es ist also durchaus anzunehmen, dass mein Großvater nur deshalb in russische Gefangenschaft geriet, weil die Amerikaner zum Kriegsende die Absetzbewegungen der Wehrmacht nach Westen in diesem Gebiet behinderten bzw. ganz unterbanden.

Beim Transport in Richtung Osten waren die deutschen Soldaten häufig der Willkür und der Rache der tschechischen Bevölkerung ausgesetzt, ohne dass die sowjetischen Bewacher etwas dagegen unternahmen. Aus persönlichen Gesprächen mit meinem Großvater ist mir immer noch seine Verbitterung über diese Zeit seiner Gefangenschaft im Ohr.

Auf den 28. Oktober 1945 ist seine Ankunft im Kriegsgefangenenlager Nr. 68 datiert. Dieses Lager befand sich in der Gegend von Tscheljabinsk, über 3.600 km östlich von Berlin, hinter dem Ural. Das Lager gehörte zu einem größeren Komplex von mehreren Kriegsgefangenenlagern. Die Akte wurde dort am 1. Dezember 1945 ausgefertigt und enthält neben persönlichen Angaben auch Hinweise über den Lebenslauf meines Großvaters und die Familienverhältnisse. Diese Angaben brachten jedoch keine neuen Erkenntnisse. Nach dem Verhör wurde der Fragebogen von meinem Großvater eigenhändig unterschrieben. Ein Foto ist leider nicht vorhanden.

Aus der Zeit der Gefangenschaft sind drei Postkarten erhalten geblieben. Die letzte Karte vom 23. Juni 1947 enthält die Lagernummer 7624. Möglicherweise wurde Johannes kurz vor seiner Entlassung noch einmal verlegt, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Lager zwischenzeitlich umnummeriert wurden.

Weiterhin enthält die Akte den Vermerk, dass Johannes Seyer am 27. Juli 1947 in das Heimkehrerlager Nr. 69 Gronenfelde bei Frankfurt/Oder verbracht wurde. Von dort wurden die Heimkehrer in ihre Heimatorte entlassen. Zwei Tage später, am 29. Juli 1947, war Johannes nach zwei Jahren Gefangenschaft wieder zu Hause.

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