Erst Kapelle, dann Pfarrhaus

Katholisches Pfarrhaus der Gemeinde St.Elisabeth

Beitrag publiziert im Heimatkalender für Königs Wusterhausen und das Dahmeland, Ausgabe 2010

Im Jahr 1539 tritt Brandenburgs Kurfürst Joachim II. zur neuen christlichen Lehre des Martin Luther über. Seit dieser Zeit haben es die Katholiken in der Mark Brandenburg schwer und das katholische Leben in unserer Region erlischt nach und nach.
Ganz tot ist die katholische Kirche im Kurfürstentum Brandenburg dennoch nicht, aber man fristet ein Nischendasein in der protestantischen Mark Brandenburg.

Erst mit dem industriellen Aufschwung Berlins nach der Reichsgründung 1871 kommen unzählige katholische Wander-arbeiter aus Schlesien, Posen und Polen auch in unsere Region. Vor allem in Schenkendorf siedeln sich polnische Katholiken an. Sie fördern hier in der Grube „Centrum“ Kohle. So steigt bis zum Jahr 1899 die Zahl der Katholiken in und um Königs Wusterhausen auf 249 Gläubige an. Die sprechen aber vorwiegend polnisch als Muttersprache.

Pfarrhaus um 1910, Quelle Archiv St.Elisabeth
Pfarrhaus um 1910, Quelle Archiv St.Elisabeth

Der katholische Pfarrer und Reichstags abgeordnete Wilhelm Frank aus Berlin kümmert sich um diese Christen, die hier weit und breit kein eigenes Gotteshaus haben. Pfarrer Frank ermutigt die Katholiken soweit, dass sie im Jahr 1898, den Bau einer katholischen Schule und einer Kirche in Königs Wusterhausen von der königlichen Regierung in Potsdam zu fordern. Es soll ihren Kindern möglich sein, katholischen Religionsunterricht zu bekommen. Anfang des Jahres 1898 erwirbt Pfarrer Frank ein Grundstück für den Bau einer katholischen Schule in Königs Wusterhausen. Das etwa 2.500 m2 große Grundstück befindet sich in der damaligen Friedrichstraße, heute Friedrich-Engels-Straße.
Die Schule soll aus gutem Grund in Königs Wusterhausen gebaut werden. Nicht weil hier die meisten Katholiken leben, sondern weil Königs Wusterhausen am zentralsten liegt und für alle gleichermaßen gut zu erreichen ist.
Preußische Behörden stehen dem Bau aber ablehnend gegenüber. Eine Genehmigung wird von der Landesregierung verweigert.
Doch auch die katholischen Instanzen sind hartnäckig. Nachdem aus Berlin versichert wird, dass kein Unterricht und keine Messe in Polnisch abgehalten wird, erteilt man die Genehmigung. Die Baukosten in Höhe von 24.800 Mark und die Kosten für das Grundstück soll die Gemeinde allerdings selbst aufbringen. Pfarrer Frank muss sich verpflichten, noch im Jahr 1899 mit dem Bau des „kirchlichen Gelasses“ zu beginnen. Formalitäten und preußische Bürokratie ziehen sich in die Länge. Der Winter naht und die Zeit drängt. Ende September kann Pfarrer Frank endlich den Auftrag erteilen und die Firma Küster beginnt mit dem Bau des Hauses. Schon am 15.April 1900 ist der Bau fertig. Es ist der erste Osterfeiertag und zum ersten Mal feiern katholische Christen in ihren eigenen Räumlichkeiten einen Gottesdienst.

Das geplante Schulhaus steht jetzt, aber es wird nach wie vor kein Unterricht erteilt. Der Bau dient lediglich als Notkapelle denn die Errichtung einer eigenen Kirche bleibt weiterhin der Traum und ist bisher nicht aufgegeben.

Innenansicht vor 1920, Quelle: Archiv St.Elisabeth
Innenansicht vor 1920, Quelle: Archiv St.Elisabeth

Etwa zur gleichen Zeit versiegt die Kohleförderung in Schenkendorf. Viele der Gläubigen ziehen weg, um woanders ihr Geld zu verdienen. Und mit ihnen ziehen auch die Kinder.
Schulunterricht findet in der neu gebauten Schule niemals statt. Vielmehr richtet die Gemeinde, in den als Schulklasse gedachten Räumen, eine kleine Kapelle ein, denn auch der Bau einer Kirche wird endgültig verweigert. Die Kapelle erhält den Namen der Heiligen Elisabeth von Thüringen, den die Gemeinde bis heute trägt.
Am 1.Oktober 1902 bekommt die Gemeinde ihren ersten eigenen Seelsorger, den Kuratus Tunkel aus Berlin. Er bezieht seine Wohnung über der Kapelle.
Durch die dauernde Anwesenheit eines Priesters steigt die Zahl der Gläubigen langsam wieder an. Die Kapelle muss sogar für knapp 4.000 Mark erweitert werden.
Nach acht Jahren verlässt Kuratus Tunkel aus gesundheitlichen Gründen die Gemeinde. Er stirbt wenig später an einem Krebsleiden. Ihm folgt am 16. November 1911 Theophil Sweda nach. Er ist jedoch nur kurz in der Gemeinde.
Bereits am 7.Juli 1914 gibt er die Seelsorge an den Oberschlesier Johannes Janotta ab.

In Zeiten knapper Kassen sinnt man über Möglichkeiten nach, die Kirchkasse aufzubessern. Die Wohnung über der Kapelle, die ursprünglich für den Küster gedacht war, wird renoviert und soll vermietet werden. Die Kasse könnte so um monatlich 270 Mark aufgebessert werden. Nach Streitigkeiten wird dann doch auf diese Mehreinnahmen verzichtet. Erst in Zeiten größerer Wohnungsnot zieht die Familie Zeidler in diese Wohnung. Sie verpflichtet sich, Wohnräume und die Kapelle instand und sauber zu halten und die Küster-tätigkeiten zu verrichten.
Im Sommer 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Knapp ein Jahr später wird auf dem Windmühlenberg, heute Funkerberg, eine Kaserne für eine Funkerabteilung des Deutschen Heeres eingerichtet. Unter den 720 Soldaten gibt es auch etwa 150 Katholiken. Diese halten ihren eigenen Gottesdienst in der Kapelle. Für die Soldaten und auf Kosten des Militärs werden die ersten richtigen Bänke für die Kapelle angeschafft.

Anfang 1920 stiftet Maximilian Nacke, Direktor bei Schwartzkopff in Wildau einen neuen Altar für die Notkapelle.
1923 verlässt Kuratus Janotta die Gemeinde in Richtung Oberschlesien.

Kapelle vor 1930, Quelle: Archiv St. Elisabeth
Kapelle vor 1930, Quelle: Archiv St. Elisabeth

Nachfolger von Kuratus Janotta wird Albrecht Jochmann aus Berlin. Seine Amtszeit fällt in die Inflation. Vielen Menschen geht es schlecht, die deutsche Wirtschaft liegt am Boden. Arbeitslosigkeit herrscht aller Orten und die stark steigende Geldentwertung macht vor allem den einfachen Menschen das Leben schwer.
Doch im Organisten Ernst hat die Gemeinde einen echten Wohltäter gefunden. Auf seine Initiative und Kosten wird die Kapelle 1923 komplett renoviert. Peinlicherweise ist beim ersten Gottesdienst danach die Farbe noch nicht ganz trocken und viele Gottesdienst-besucher tragen diese dann auf ihren guten Sachen mit nach Hause. Der unzureich-enden Beleuchtung in der Kapelle wird im Jahr 1924 durch erstes elektrisches Licht Abhilfe geschaffen.

Fensterdetail von Carl Busch, Foto: Norbert Seyer
Fensterdetail von Carl Busch, Foto: Norbert Seyer

Im Oktober 1926 verlässt Kuratus Jochmann die Gemeinde in Richtung Berlin-Charlottenburg. Seine Nachfolge tritt Georg Roschkowski an.
Zum Weihnachtsfest 1927 macht sich die Gemeinde selbst ein großartiges Weih-nachtsgeschenk. Noch immer dienen die beiden, eigentlich als Schulklassen gedachten Räume, den etwa 300 Gläubigen sonntags als Ort für ihren Gottesdienst. Wasser- und Gasleitungen laufen über dem Putz entlang, die Fenster sind mit buntem Papier beklebt und die Zeit hat ihre Spuren auf den Wänden hinterlassen. Alles in allem ein sehr armseliges Bild für ein Gotteshaus. Das ändert sich innerhalb von drei Wochen. Verschiedene Firmen rücken der trostlosen Notkapelle zu Leibe. Leitungen werden unter Putz gelegt und die Wände kunstvoll verziert. Die schönste Neuerung aber sind die Fenster. Glasmaler Carl Busch fertigt Bleiverglasungen aus Antikglas an, die die heilige Elisabeth darstellen. Es wird ein Bilderzyklus geschaffen, der die Markgräfin von Thüringen bei den sieben Werken der leiblichen Barmherzigkeit darstellt. Die Abbildungen sind volkstümlich und schlicht gehalten. Sie sollen keineswegs aufdringlich wirken. Einige der Bilder sind auch heute noch im Pfarrsaal zu sehen.
Komplettiert wird die neue Inneneinrichtung durch einen Kreuzweg, der kurz darauf durch großzügige Spenden angeschafft werden kann.

Im Jahr 1937 verlagern sich die Gottesdienste auf die gegenüber liegende Straßenseite. Der Gemeinde war es unter ihrem neuen Pfarrer Alfons Thonemann gelungen, den Nationalsozialisten zum Trotz, doch noch ein eigenes Gotteshaus zu bauen. Am 1.August wird die katholische Kirch St. Elisabeth geweiht.

Das Haus auf der anderen Seite der Straße dient fortan „nur“ noch als Pfarrhaus. Gottesdienste finden hier nicht mehr statt. Aber das Gemeindeleben spielt sich in den Mauern ab. Hier trifft man sich zu geselligen Runden, zu liturgischen Gesprächen oder einfach nur so.

Im Sommer 1939 beginnt Deutschland den Zweiten Weltkrieg und schlagartig ändert sich auch das Leben im Pfarrhaus. Der Alltag erschwert sich mit der Fortdauer des Krieges mehr und mehr. Das beginnt mit der täglichen Verdunklung und geht bis zur Konfiszierung des PKW.
Gegen Ende des Krieges werden über der Stadt Luftminen abgeworfen, die am Pfarrhaus und an der Kirche erheblichen Schaden anrichten. So gehen im Pfarrhaus mehr als sechzig Scheiben zu Bruch und zahlreiche Dachsteine werden durch den Luftdruck aus der Verankerung gerissen. Die Schäden werden repariert, doch ein späterer Luftminenabwurf in der Nähe des Güter-bahnhofs richtet neue Schäden an. Die Front rückt näher und Königs Wusterhausen wird von ununterbrochenen Flüchtlingskarawanen durchzogen. Die Menschen aus dem Osten Deutschlands, die oft nur das Nötigste oder das nackte Leben retten können, finden in der Kirche seelsorgerischen Beistand und im Pfarrhaus eine warme Nachtstätte und etwas zu Essen. Für die Bewohner der Friedrich-straße wurde bei Kriegsbeginn ein Luft-schutzkeller im Pfarrhaus eingerichtet. Pausenlose Luftangriffe, die vor allem Berlin gelten, zwingen die Menschen stundenlang dort auszuhalten.
Vollkommen unübersichtlich wird die Lage im April 1945. Die Rote Armee hat die Oder überschritten und steht unmittelbar vor dem Sturm auf Berlin. Am 20.April herrscht Geschützdonner schon rund um die Stadt.
Das Pfarrhaus ist zwei Tage später mit vierzig Verwundeten voll belegt. In der Kirche liegen verwundete Volksturmmänner, die aus dem Mittenwalder Raum hierher gebracht werden.
Am 24.April beginnt das Artilleriefeuer auf die Stadt. Schwerverwundete werden aus dem Schützenhaus in den Pfarrsaal verlegt. Die Stromversorgung bricht zusammen. Ein Geschoss schlägt gegenüber der Post ein. Gegen Abend des Folgetages trifft es auch das Pfarrhaus. Die Decke zum Pfarrsaal ist durchschlagen, die Verwundeten werden in den Keller gebracht. In der Nacht ist Infanteriekampf in der Stadt zu hören.
Am 26.April durchkämmen russische Fronttruppen das Haus, die aber gleich wieder weiterziehen.
Pfarrer Kletschke gelingt es, zahlreiche Frauen und Mädchen auf dem Kirchboden zu verstecken. So können sie den Verge-waltigungen der nachrückenden Einheiten entkommen.
Erst am 30.April wird ein Stadtkommandant eingesetzt und die Lage normalisiert sich etwas. Rund um das Pfarrhaus werden die Häuser geräumt und Fronttruppen einquar-tiert. Die Verwundeten können im Pfarrsaal verbleiben. So wird das Pfarrhaus und die Kirche von Plünderungen verschont.

Kurze Zeit später kommt es zu einer erneuten Flüchtlingswelle. Auch um die Vertriebenen aus den jetzt russisch besetzten Gebieten wird sich im Pfarrhaus gekümmert.

In den fünfziger Jahren werden größere Umbau- und Sanierungsmaßnahmen am Haus durchgeführt. Die ursprünglich vorhandene Kapellentür wird durch ein Fenster ersetzt, der Hof wird gepflastert und der Dachstuhl vom Wurm befreit.

Pfarrhaus heute, Foto: Norbert Seyer
Pfarrhaus heute, Foto: Norbert Seyer

Zum Generationswechsel kommt es, als Pfarrer Johannes Müller seinen Dienst Anfang der siebziger Jahre in der Gemeinde antritt. Als junger Priester festigt er das geistige Leben trotz Einmischungsversuchen seitens staatlicher Behörden. In der Gemeinde kann er auf einen treuen Stamm von Gläubigen bauen.
Nach der politischen Wende wird das Pfarrhaus modernisiert. Die alten Fenster verschwinden, das Dach wird erneuert und der Hof ordentlich gepflastert. Auf dem Pfarrhof entsteht das Gebäude des Jugendzentrums proFete, das seither die Aktivitäten in der Stadt mitbestimmt.

Im Jahr 2009 jährte sich der Jahrestag des ersten katholischen Gottesdienstes in unserer Stadt zum 110. Mal. Seit dieser Zeit sind Pfarrhaus und katholische Kirche ein fester Bestandteil unseres Stadtlebens.

Quellen: Dokumente aus dem Kirchenarchiv und Kirchenchronik


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