Dunkle Zeiten

Dunkle Zeiten - die Gemeinde in den dreißiger Jahren

Mit dem Jahr 1933 begann nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Gemeinde, das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, die Zeit des Nationalsozialismus. Anfangs konnte der erst 1932 gegründete katholische DJK-Verein (Deutsche Jugend Kraft) noch seine Aktivitäten in aller Öffentlichkeit zeigen. Später wurde er, wie fast alle nicht nationalsozialistische Vereine, verboten.

Der Bau eines Gotteshauses wurde immer dringender. Anfang der dreißiger Jahre hatte sich die Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher auf bis zu 500 Christen aus der näheren Umgebung erhöht. Hinzu kamen zahlreiche Laubenpieper aus Berlin, die hier ihre Wochenenden verbrachten. Auch nicht unerheblich waren die vielen Ausflügler, die an schönen Wochenenden mit Bahn oder Dampfer ins Königs Wusterhausener Umland strömten und hier ihren sonntäglichen Gottesdienstpflichten nachkommen wollten. Das Projekt, für welches seit Jahrzehnten gesammelt wurde, nahm jetzt konkrete Formen an. Im Dezember 1932 wurde der Kaufvertrag für den Bauplatz der Kirche unterzeichnet. Ein Vertragsbestandteil war jedoch, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Kirche zu errichten sei. Pfarrer Roschkowski nahm daraufhin Ende 1934 Kontakt mit dem Architekten Hanns Schlicht auf, der unverbindlich Vorschläge für den Kirchneubau anfertigen sollte. Er hatte bereits 38 Kirchen in Schlesien erbaut und schien der richtige Mann für das dringende Anliegen zu sein. Insgesamt fertigte Hanns Schlicht neun Entwürfe für das Gotteshaus an.

Dann erschütterte der Tod des Berliner Bischofs Bares, der sich im Besonderen für den Kirchneubau eingesetzt hatte, die Katholiken und warf die Pläne und den Zeitplan des Baus weit zurück.
Zusätzlich verließ auch noch Pfarrer Roschkowski Anfang 1936 die Pfarrgemeinde. Die Zeit verrann. Neuer Priester in der Gemeinde wurde Kuratus Alfons Thonemann. Geboren im Jahr 1894 in Dülmen/Westfahlen erhielt er die Priesterweihe 1922 und durchlief anschließend einige Pfarreien.

Eine katholische Kirche für Königs Wusterhausen?

Mit Pfarrer Alfons Thonemann war der richtige Mann für das dringliche Bauvorhaben gefunden. Die Kirche hätte bereits 1936 fertig sein können. Pfarrer Roschkowski versäumte es jedoch, rechtzeitig Anträge auf Bewilligung von Geldern beim Bonifatiusverein in Paderborn zu beantragen. Der Bonifatiusverein unterstützte arme und mittellose Gemeinden mit Geld für Kirchbauten. Im Mai 1936 konnte das Versäumnis nachgeholt werden und die Anträge wurden eingereicht. Seit einigen Jahren lagen Baupläne für die Kirche bereit, auch diese wurden eingereicht. Die nächste Hiobsbotschaft folgte auf den Fuß. Die Baupläne von Hanns Schlicht entsprachen nicht den Richtlinien des Bonifatiusvereins. Die Kirche war zu aufwendig geplant. „...der Bonifatiusverein gebe grundsätzlich nur Zuschüsse zu Kirchbauten, wenn jede unnütze Ausgabe vermieden sei; es dürfe kein Turm vorhanden sein und der Bau müsse ein Sparbau sein.“ Nach mehrstündigen Verhandlungen, die Pfarrer Thonemann persönlich führte, gab der Verein nach und gewährte nach einer komplizierten Rechnung pro Stehplatz 80 Mark für den Bau. Das hieß genau genommen, dass die gesamte Bausumme nur 80 mal die Anzahl der Stehplätze betragen durfte. Wohlgemerkt, schlüsselfertig gebaut.

Unter dieser Maßgabe entwarf Architekt Schlicht eine neue Kirche. Die aber war so ärmlich konzipiert, dass auch diesem Gotteshaus die Unterstützung verwehrt wurde. Die neue Kirche sollte zumindest eine so hohe Vorderfront haben, dass sie sich aus den umliegenden Häusern hervorheben sollte. Insgesamt entwarf er letztendlich neun verschiedene Kirchbauten für Königs Wusterhausen, die aber alle nicht zur Ausführung kommen sollten. Der Bonifatiusverein stieß sich außerdem daran, dass Schlicht nicht nur der Architekt, sondern gleichzeitig auch der Auftragnehmer für den Kirchbau sein wollte. Der Bonifatiusverein hielt den eingereichten Plan für „architektonisch-künstlerisch ...unzulänglich“. Architekt Schlicht, der seine Skizzen zunächst unverbindlich anfertigen wollte, wollte nach den abschlägigen Bescheiden des Bonifatiusvereins nun doch entlohnt werden. Nach einem immer harscher werdenden Briefwechsel, in dem zum Schluss mit gegenseitigem Verklagen gedroht wurde, einigte man sich schließlich doch einvernehmlich auf die zu zahlende Summe von 520,- Mark.

Die Zeit drängte. Würde die Kirche nicht im Jahr 1937 begonnen, fiele das Land zurück an die Regierung. Jetzt sollte Diözesanbaurat Kühn den Kirchbau retten und eine Skizze anfertigen. Er hatte schon einige Kirchen in Berlin und Umgebung entworfen, so z.B. auch die Kirche in Blankenfelde. Er plante ein Gotteshaus mit zwei Türmen, so das vom staatlichen Hochbauamt keine Einwände bezüglich einer Nichteinpassung ins Stadtbild, zu erwarten waren. Für seinen Vorschlag entschied sich der Kirchenvorstand am 4. Oktober 1936. Die Würfel waren gefallen. Auch der Bonifatiusverein stimmte endgültig zu. Der Kirchenvorstand beauftragte Baurat Kühn mit der Detailplanung des Neubaus und der Bonifatiusverein bewilligte nach seinen Richtlinien einen Zuschuss von 35.000 Mark für den Bau in Königs Wusterhausen. Der Ortsbaupolizei gingen am 20.November 1936 die Pläne zur Genehmigung zu. Um einen schnellen Baubeginn zu sichern, entschloss sich die Gemeinde am 3. Dezember 1936 das gesamte Material für den schlüsselfertigen Bau im Voraus zu kaufen. Der Bauplatz wurde provisorisch eingezäunt. Acht Tage später wurde die Bauleistung an den Bauunternehmer Dirk aus Heiligensee, zum Pauschalpreis von 39.883,08 Mark vergeben. Die Schachtarbeiten begannen.
Eine Baugenehmigung seitens der Stadt wurde jedoch hinausgezögert. Die Nationalsozialisten wollten den Bau unmöglich machen. Daraufhin verweigerte der Bonifatiusverein weitere Geldbewilligungen, der Kirchenvorstand trug das finanzielle Risiko plötzlich allein. Ein Schock für die arme Gemeinde, denn der Pfarrer sollte persönlich für den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden.
Außerdem hatte man ohne Genehmigung angefangen zu bauen. Ausschacht- und Fundamentierungsarbeiten waren nahezu abgeschlossen. Pfarrer und Bauunternehmer wurden jetzt aufdringlich. Jeden Tag sprachen sie bezüglich der ausstehenden Baugenehmigung beim Bauamt vor. Wahrscheinlich vom ständigen Mahnen und Anfragen entnervt, wurde der Bauschein Mitte Januar 1937 endlich unterschrieben. Der Bau konnte jetzt endlich offiziell vom Baumeister Carl Dirk begonnen werden.

Grundsteinlegung 1937; Quelle: Archiv St. Elisabeth

Nun ging alles sehr schnell. Anfang Februar wurde mit dem Bau begonnen und am 28. Februar legte der spätere Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg feierlich den Grundstein. Nahezu 700 Gläubige und die Priester der umliegenden Gemeinden nahmen an diesem feierlichen Gottesdienst teil. Die Urkunde, die im Grundstein eingemauert ist, wurde in Latein verfasst und lautet in der Übersetzung: „Allen, die diese Urkunde lesen, Gruß und Segen im Herrn! Im Jahre des Heiles 1937, am 28.Februar, am dritten Fastensonntag, zur Zeit des Pontifikats Pius XI., als Konrad Graf von Preysing, Bischof von Berlin, Dominikus Metzner Erzpriester, Alfons Thonemann aus Dülmen in Westfalen Pfarrer in der Gemeinde St. Elisabeth, zur Zeit, als Adolf Hitler Führer und Reichskanzler des Deutschen Reiches war, ist in Königs Wusterhausen dieser Grundstein in der neuen Kirche, die zu Ehren der hl. Elisabeth, nach den Bauplänen des Diözesanbaurats Kühn, gebaut werden soll, gelegt worden.
Die Kapelle, die vor 35 Jahren zu Ehren der hl. Elisabeth gebaut wurde, war bei der wachsenden Seelenzahl und dem eifrigen Besuch der Gläubigen, die in Königs Wusterhausen und den 30 umliegenden Ortschaften wohnen, nicht ausreichend. Ich versichere hiermit, dass ich im Namen unseres Hochwürdigen Herrn Bischofs diesen Grundstein, der beschrieben ist: „Anno 1937“, gesegnet und diese Urkunde eigenhändig unterschrieben habe.
Gez. Prälat Lichtenberg; Pfarrer Thonemann, Königs Wusterhausen; Pfarrer Kohlsdorf Eichwalde; Pfarrer v. Kiedrowsky, Erkner; Pfarrer Haucke, Zossen“

Die feierliche Grundsteinlegung wurde von der SS lautstark zu einem Propagandaaufmarsch genutzt. Es wurde versucht, die Feierlichkeit durch gezielte Manöver zu stören. Zwei SS-Leute versuchten in den Kirchenraum einzudringen, um dort Flugblätter zu verteilen. Jedoch gelang es einem dritten SS-Mann, sie davon abzuhalten. Bereits am 20. März war die Kirche gerichtet. Anfang April war der Rohbau, einschließlich des Daches, fertig. Die Kirche ist nun 28 m lang, 13 m breit und hat eine Höhe von 19 m. Noch Ende April versuchte die Regierung den Bau zu stoppen. Als Grund für die nicht erwünschte Bauausführung wurden Rohstoff- und Materialknappheit angeführt. In mehreren Schreiben konnte das wiederlegt werden, der Bau wurde fortgesetzt. Wurde der Kirchbau weitestgehend vom Bonifatiusverein gezahlt, so musste die Gemeinde die Inneneinrichtung komplett selbst finanzieren. Daraufhin beschloss der Kirchenvorstand am 24. Januar 1937 zunächst die Anschaffung von drei Glocken. Für Bronzeglocken fehlte das Geld, also entschloss man sich für Klangstahlglocken. Die Glocken wurden bei Schilling und Lattermann in Apolda bestellt und sollten 2.520, 26 Mark kosten. Das Geläut war so früh fertig, dass es noch während des Baugeschehens geweiht und in die Türme gezogen werden konnte. Erzpriester Metzner taufte die Glocken am 11. April auf die Namen Michael, Paulus und Bonifatius. Jede Glocke hat ihren eigenen Spruch: „Michael so heiße ich, wer ist wie Gott rufe ich, für Gottes Ehre kämpfe ich“, „Paulus ist mein Name, Christus der Gekreuzigte, der Auferstandene, Gott, meine Predigt“, „Bonifatius bin ich genannt. Die frohe Botschaft trag´ ich ins Land“.

Glockenweihe 1937; Quelle: Archiv St. Elisabeth

Die Töne der Glocken entsprachen den Anfangstönen des „Te deum“. Um sich von Muskelkraft unabhängig zu machen, wurde für die Glocken ein modernes elektrisches Geläut angeschafft.

Baurat Kühn entwarf für die Kirche einen Hochaltar, gebaut wurde er aus Travertin. Bei der Möblierung griff man zunächst auf das Gestühl der Notkapelle zurück. Für die bunten Fenster, wieder gefertigt von Carl Busch, konnte man Mitglieder der Gemeinde gewinnen, die diese zum größten Teil stifteten. So blieb der finanzielle Aufwand geringer als befürchtet. Die Opferbereitschaft unter den Gläubigen war enorm. Man darf nicht vergessen, es waren vorwiegend arme Arbeiterfamilien, die hier Geld für ihre neue Kirche aufbrachten. Pfarrer Thonemann wurde schon vierzehn Monate nach seiner Amtseinführung wieder versetzt. Er ging nach Moers, wo er Rektor einer Schule wurde. Die Kirche war zwar noch nicht geweiht, aber ihm zu Ehren wurde am 30. Mai 1937 zum ersten Mal das Messopfer in der neuen Kirche dargebracht. Zum Abschluss läuteten für den „Erbauer“ des Gotteshauses zum ersten Mal die Glocken.

Nachfolger wurde Anton Majewski, der das begonnene Werk vollenden sollte.

Kirchweihe 1937; Quelle: Archiv St. Elisabeth

Am Sonntag, dem 1. August 1937, war es endlich soweit. Nach fast vierzig Jahren bekam Königs Wusterhausen eine eigene katholische Kirche. Um fünf Uhr morgens erklangen die Glocken und riefen zur letzten heiligen Messe in die Notkapelle. Anschließend, um sieben Uhr, konsekrierte der Berliner Bischof Preysing in einer ergreifenden Zeremonie die neue Kirche. Um 10.00 Uhr wurde das erste Hochamt gefeiert.

 

 


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