Die Leipziger Künstlerin Alice Greinwald-Clarus
21. Juli 2022
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Vorgeschichte

Im Zuge meiner Recherchen zu den drei verschiedenen Kreuzwegen von St. Elisabeth in Königs Wusterhausen, bin ich auch auf die Leipziger Künstlerin Alice Greinwald-Clarus gestoßen. Sie war es, die den zweiten Kreuzweg, der von 1976 bis zum Jahr 2008 in unserer Kirche hing, schuf. In der Kapelle St. Hedwig in Bestensee, ist er bis heute zu sehen. Die verschiedenen Kreuzwege sollen an anderer Stelle ausführlicher beschrieben werden, im Folgenden geht es um die heute nahezu unbekannte Künstlerin Alice Greinwald-Clarus.
Alice Clarus

Herkunft und Werdegang

Caroline Auguste Alice Clarus, später nur Alice Clarus, wurde am 16. Januar 1887 als Tochter des Arztes Dr. med. Ernst August Albrecht Clarus und seiner Frau Frieda Wiggers in Leipzig geboren. Alice Clarus ist eine Urenkelin des Leipziger Mediziners und Gutachters Johann Christian August Clarus. Die Familie war katholisch.
Ihre Ausbildung absolvierte sie von 1905 bis 1913 u.a. bei Hugo Steiner-Prag an der Königlichen Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig. In der „Deutschen Biografie“ wird sie als Malerin, Grafikerin und Kalligraphin bezeichnet. Sie selbst bezeichnete sich später als „Kunstmalerin und Gebrauchsgraphikerin“ . Zahlreiche Buchillustrationen, aber auch andere grafische Werke, wie z.B. Reklamemarken, sind noch heute bekannt und erhalten. „So zeichnete sich Alice Clarus durch eine Reihe trefflich stilisierter Exlibris aus; durch Reklamemarken, Feldpostkarten, Titel, durch Plakate, wie das des abstinenten Königin-Luise-Hauses oder das des Margarethenfestes 1911…“ Ihren Lebensmittelpunkt hatte Alice Clarus zeitlebens in Leipzig. Als Wohnadresse wird in verschiedenen Leipziger Adressbüchern die Wiesenstraße Nr. 21 angegeben. Unter gleicher Adresse wohnten auch ihre Eltern.
Im Jahr 1914 nahm Alice Clarus an der „Internationalen Ausstellung für Bücher und Graphik“ in Leipzig teil und bekam dort für ihre Arbeit eine Silbermedaille verliehen.
Zeichnungen und Gemälde der Barbarossahöhle am Kyffhäuser fertigte sie im Kriegsjahr 1917.

Heirat und Wirken nach dem I. Weltkrieg

In der Zeit von 1917 bis 1918 arbeitete sie als Zeichnerin für die Abteilung Friedhofsbau der Etappen-Inspektion 7 in Frankreich. Möglicherweise lernte sie in Frankreich auch ihren späteren Ehemann, den Postunteroffizier Johann Greinwald kennen. Johann (Hans) Greinwald wurde am 18. Juni 1889 im bayrischen Tutzing geboren. Als Beruf wird in seiner Stammrolle „Fischer“ angegeben. Am 8. Juni 1917 heirateten die Beiden in Leipzig, dem Wohnort der Frau. Ein gemeinsames Familienleben war den zwei Jungvermählten jedoch nicht vergönnt. Der Ehemann war während des gesamten Ersten Weltkrieges Soldat an der Westfront und nahm dort an zahlreichen Gefechten und Schlachten teil. Er war Träger des EK II und des Kriegsverdienstkreuzes. Johann Greinwald geriet kurz vor dem Kriegsende in französische Kriegsgefangenschaft. In Orleans starb er im November 1918 an der Spanischen Grippe und Lungenentzündung in einem Lazarett. Das gemeinsame Kind der Eheleute, ein Sohn, starb schon bei der Geburt am 12. Juni 1919 in Leipzig. Der Geburtshelfer Dr. Rudolf Clarus, ein Bruder von Alice, war bei der Geburt dabei. Alice Greinwald-Clarus heiratete anschließend nicht wieder.

Ein Verzeichnis über das Schaffen von Alice Greinwald-Clarus existiert nicht. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt zunächst hauptsächlich mit Gebrauchsgraphik und Illustrationen. In den Jahren 1923 bis 1925 hatte sie nicht näher benannte Ausstellungen in Ulm, Dresden und Innsbruck. Außerdem stellte sie seit 1923 regelmäßig auf der Leipziger Frühjahrs – und Herbstmesse beim „Bund Deutscher Gebrauchsgraphiker“ [BDG] aus.
In den Jahren 1928 bis 1932 war sie mehrfach im Vorstand der Ortsgruppe Leipzig des BDG und während dieser Zeit auch damit beauftragt, die Ausstellungen des Bundes auf der Leipziger Messe zu betreuen und die Besucher dort zu beraten.

Seit 1924 widmete sich Alice Greinwald-Clarus verstärkt der kirchlichen Kunst, ohne aber auf andere Aufträge ganz zu verzichten.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war sie, wie alle tätig Kunstschaffenden, Mitglied in der „Reichskammer für bildende Künste“, jedoch kein Mitglied der NSDAP. Um weiter tätig sein zu können, musste sie ihre arische Abstammung nachweisen.
Sie selbst gab an, in den Jahren vor 1941 folgendes an umfangreicheren Werken geschaffen zu haben:

• Etwa fünfzig figürliche Vignetten für die Schriftgießerei „Schelter & Giesecke“ in Leipzig
• Wandmalerei Schriftfries in der Akademiker-Gedächtniskirche St. Georg in Leipzig-Gohls
• Kanontafeln auf Pergament für die Akademiker Gedächtniskirche Leipzig-Gohls
• 36 Stück Kalendervignetten, figürlich und Stadtvignetten
• Diverse Buchillustrationen (z.B. „Ledermüller – Erzählung“ 1921)
• Mehrere Buchdeckel für den Verlag Herder in Freiburg (z.B. „Die Frühlingsreise“ 1925)
• Diverse Plakatgestaltungen
• Gelegenheitsgraphiken
• 1930 bis 1939 etwa zwanzig Altardecken in Stoffmalerei auf weißer Seide
• 1938 Messgewand und Zubehör in Stoffmalerei auf weißer Seide
• 1939 handgeschriebene und illustrierte Kirchenchronik für St. Trinitatis in Leipzig

Mit Beginn des II. Weltkrieges wurde die Auftragslage zunehmend schlechter, auch Materialmangel machte sich bemerkbar. Alice Greinwald-Clarus sah sich im Jahr 1941 dazu gezwungen, Unterstützung beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda zu beantragen. Neben Einnahmen aus der Untervermietung von Zimmern ihrer Wohnung und einer Hinterbliebenenrente hatte sie kaum noch Einnahmen aus ihrer Arbeit zu verzeichnen. Die NSDAP-Ortsgruppe Leipzig kam in ihrer Beurteilung von Greinwald-Clarus zu dem Schluss: „Als Luftschutzhauswart aktiv tätig, sehr gewissenhaft. Opferbereitschaft trotz ihrer misslichen Lage gut. Allgemeines Verhalten einwandfrei. Lebt in sehr dürftigen Verhältnissen. Gilt als sparsam und arbeitsfreudig, dabei hilfreich und stets opferbereit. Leumund und Charakter einwandfrei.“ Auf diese Beurteilung hin, erhielt die Künstlerin eine einmalige Zuwendung in Höhe von 150,- RM.

Nach dem II. Weltkrieg

Für die Zeit nach dem II. Weltkrieg konnten bisher keine umfangreicheren relevanten Quellen ausfindig gemacht werden.

In der Leipziger Liebfrauenkirche, die im Jahr 1908 geweiht wurde, existiert noch heute eine colorierte Version des Kreuzweges, der auch in Königs Wusterhausen zu finden war. Die Kirche wurde nach dem II. Vatikanischen Konzil 1964 umgestaltet. Es ist anzunehmen, dass der Kreuzweg wahrscheinlich etwa seit dieser Zeit in der Kirche hängt. Möglicherweise handelt es sich bei dem colorierten Kreuzweg auch um die Ursprungsversion der später weit verbreiteten vierzehn Stationen. Die vierzehn Kreuzwegstationen sind in der Werkeauflistung aus dem Jahr 1941 nicht enthalten, was möglicherweise ein Hinweis auf eine Entstehung nach dem Krieg sein könnte.

Alice Greinwald-Clarus starb am 3. Mai 1967, im Alter von 80 Jahren, in Leipzig.

Das Auffinden von weiteren Kunstwerken oder Gebrauchsgraphiken von Alice Greinwald-Clarus könnte eine spannende Aufgabe für die nächsten Jahre sein.


Alle Daten und Ereignisse sind durch Quellen belegt, die hier jedoch nicht aufgeführt sind.

Bild: Reklamemarke von 1914. Marke im Besitz des Verfassers.

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